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Die Glocken hören: (hier)

AKTUELL: Repartur und Verbesserung des Klangs (hier)


Zur Geschichte der Reinheimer Glocken

Auszug aus dem Gemeindebrief 3-2003 und 4-2003

Es mag sinnvoll und interessant sein einmal ausführlich der Geschichte unserer Reinheimer Glocken nachzugehen, die einen Zeitraum von mehr als 600 Jahren umfasst. Es ist eine bewegte Geschichte. Pfarrer Dr. Hotz hat sie in mehreren Beiträgen zum Reinheimer Heimatboten sachkundig nachgezeichnet und wir wollen ihn  in den nächsten Ausgaben unseres Gemeindebriefes zu Wort kommen lassen.“ Wann zuerst über Reinheim Glocken läuteten, lässt sich nicht sagen. Es ist aber anzunehmen, dass schon auf dem Turm der St. Nikolauskirche mehrere Glocken hingen. Eine davon ist in ödem alten sogenannten „Wegglöckchen“ erhalten. Ach dem Charakter ihrer Inschrift „ Ave Maria Gracia“ und ihren Verzierungen stammt sie aus dem 14. Jahrhundert“. Heute hängt  die älteste Reinheimer Glocke auf dem Turm am Martin-Luther-Haus! Diese Glocke hat ein bewegtes Schicksal im Laufe der Jahrhunderte hinter sich. Von der Nikolauskirche gelangte sie auf den Turm des Obertors. Nach dessen Abbruch im Jahr 1838 auf den Turm der Dreifaltigkeitskirche. Dort wurde sie noch geläutet, wenn das Ortbürgerobst zur Versteigerung kam, oder wenn Feuer ausbrach. 1941 hat man sie abgenommen und ins Glockenlager nach Hamburg gebracht. 1948 kehrte sie mit den anderen Reinheimer Glocken wieder zurück, wurde in einem Fachbetrieb in Nördlingen repariert und stand – nachdem sie seit 1939 verstummt war – wieder auf dem Turm. Mit der Einweihung des Martin-Luther-Hauses (1976) darf sie nun wieder ihren Dienst tun – „zum Gottesdienst und zum Gebet rufen und täglich um 12.00 und 18.00 Uhr daran erinnern, dass unsere Zeit in Gottes Händen steht.“ 

Pfarrer Dr. Hotz sagte in seiner Einweihungsanspracheotz sagt in siner Einweihungsansprache:“ Im Klang dieser 600jährigen Glocke verknüpft sich die Geschichte von Reinheim mit der Gegenwart. Darum dürfen wir in dieser Stunde, in der ein Gotteshaus geweiht wird, mit der  demütigen Magd des Herrn das Magnifikat  sprechen und sollten es stets beim Hören dieser Glocke betend bedenken: ¨Meine Seele erhebet den Herren und mein Geist freuet sich Gottes, meins Heilandes....“

Auch die anderen Glocken haben  ein interessantes Schicksal hinter sich.  Pfarren Dr. Hotz hat es im Heimatbote  mehrfach nachgezeichnet. Er schreibt: „Zur Zeit des Pfarrers Christoph Höver (1565 – 1594 in Reinheim) lagen auf dem Rathaus noch zwei zerbrochene Glocken, von denen die kleinere von der Ueberauer Kirche genommen war. Im Jahre 1628 wurden diese Glocken zu einer umgeschmolzen und diese in die „neue Kirche“ gehängt. Am 19.. April 1647  musste je eine Reinheimer und eine Ueberauer Glocke abgenommen  und zu Darmstadt als Brandschatzung der französischen Armee Terrenne ausgeliefert werden, die sie nach Frankfurt entführte. Auf  dem  Turm der Dreifaltigkeitskirche blieben zwei auf dem Ueberauer Turm eine, die man dann auch nach Reinheim brachte. Die beiden Reinheimer Glocken wurden nacheinander schadhaft.

Erst 1659 kamen „auf vieler frommer Herzen Seufzen“ zwei wandernde  Glockengießer unvermutet nach Reinheim.  Es waren die Lothringer Meister Stephan  Brunckel und sein Vetter Johannes Arnold. Sie gossen „bei Philipp Raimchens Haus“, das heißt in der Kirchstraße neben der Hofreite Dehn neue Glocken für Reinheim, Ueberau, Groß-Biegberau, Höchst, Semd, Ober-Roden,  Raibach und Klein-Wallstadt.

Es sind von diesen zehn Glocken noch einige erhalten, darunter die drei Reinheimer. Das Material zum Glockenguss gaben sowohl die alten zersprungenen Glocken wie eine Haussammlung an Messing, Kupfer, Zinn und  Silber her. Darüber hinaus wurden erhebliche Geldbeträge gestiftet, was in der damaligen geldarmen Zeit ein großes Opfer bedeutete. Wie der Kastenmeister Lukas Kirstetter schreibt, erlegte jeder Ortsbürger  vier „Kopfstücke“, das sind 1 1/2  Gulden (ca. 30 Mark). Die dritte Glocke wurde der Kirche von Maria Engart vermacht. Sie hatte in schwerer Krankheit die Glocke als Vermächtnis gelobt. Nach ihrer Genesung wurde diese Glocke auf ihren Wunsch zum Vater-unser-Läuten bestimmt.

Die Glocken tragen lesenswerte Inschriften. Auf der großen  steht  :“Wir läuten ins Herrn Christi Namen, / geht in die Kirche rein  allzusammen!“ Auf der zweiten, der „Kläng“-Glocke heißt es:  “Hört auf mein Klang /richt jetzt dein Gang / Beisammen heiß ich läuten. Die kleine Glocke verkündet:“ Verbum Domini manet in Aeternum“ (Das Wort des Herrn bleibt in Ewigkeit), außerdem die Jahreszahl 1659 und die Namen der beiden Glockengießer.   

Seit 1659 hängen drei Glocken im Turm der Dreifaltigkeitskirche. Im Jahr 1955 schreibt Pfarrer Dr. Hotz im Heimat­boten:

"Leider dringt der Ruf der Glocken nicht mehr durch. Unser Geläut ist nicht mehr in ganz Reinheim vernehmbar. Vor 300 Jahren, als Reinheim sich noch auf den Bereich der "Festung" und der "Vorstadt" beschränkte, genügte es, heute erweist es sich als zu schwach. Es besteht darum die Absicht, es durch zwei größere Glocken zu ergänzen."

Die neuen Glocken sollen mit den bei­den größeren alten klanglich abge­stimmt sein und ein vierstimmiges Geläut ergeben, in dem sowohl das "Gloria-" wie das "Tedeum-Motiv" ent­halten ist. Die kleinere alte Glocke soll künftig separat zum "Vater unser" geläutet werden. Mit dem Aufhängen der neuen Glocken soll auch die Elektrifizierung des Läutewerkes ver­bunden sein. Eine Sammlung wird durchgeführt, um Spenden gebeten und der Auftrag an die Glockengießerei Rincker vergeben.

Knapp ein Jahr darauf ist es soweit. Pfarrer Dr. Hotz kann mit Freude und Stolz vermelden:

"Nun ist das große Werk gelungen!" Wir dürfen  am  Martinitag,  am   11. November, unsere neuen Glocken wei­hen und zusammen mit ihren alten Schwestern als Vierergeläut in Ge­brauch nehmen. Die fünfte Glocke wird nur noch einzeln geläutet.

Wir haben den Glocken Namen gegeben, die uns an die christliche Geschichte Reinheims und an den besonderen Auftrag der Glocken als Rufern zu Gottesdienst und Gebet erinnern. Sie heißen:

I. SANKT-NIKOLAUS-GLOCKE

(nach dem Patron unserer ältesten Kirche, die auf der Höhe des Friedhofs­berges stand).

Ton: fis, Gewicht: 732 Kilogramm. Oberer Rand: "Seid Täter des Wortes und nicht Hörer allein. Jak. 1/22 + Jesus Christus, gestern und heute und derselbe auch in Ewigkeit. Hebr.13/8" Mantel: Gießerzeichen der Gebr. Rincker 1956. "Gegossen aus Spenden der ev. Gemeinde Reinheim." Unterer Rand: " Es wandeln sich die Reiche, es wandelt sich die Welt. Doch Gott, der bleibt der gleiche, der sie in Händen hält." Der Vers stammt von Hermann Claudius.

II.   SANKT-MARTIN-GLOCKE

(nach dem Mitpatron der Reinheimer Nikolauskirche, dessen Namen auch unser Reformator Martin Luther trägt). Ton: a, Gewicht: 448 kg. Oberer Rand:

"Gott hat uns nicht gegeben den Geist der Furcht, sondern der Kraft und der Liebe und der Zucht. 2. Tim. 1,7." Mantel: Gießerzeichen   der Gebr. Rincker, Wappen der Ev. Kirche

Reinheim. "Gegossen aus Spenden der ev. Gemeinde Reinheim." Unterer Rand: "Von guten Mächten wunderbar geborgen, erwarten wir getrost, was kommen mag. Gott ist mit uns am Abend und am Morgen und ganz gewiss an jedem neuen Tag." Den Vers schrieb Dietrich Bonhoeffer. Zu diesen beiden neuen Glocken treten nun die alten, 1659 gegossenen. Auch sie sollen künftig ihre Namen haben. Es sind:

III. PFARRER-RÜHEL-GLOCKE,

(nach dem Reinheimer Pfarrer Johann Adolf Rühel, der von 1635-1681 in Reinheim wirkte. Er hat entscheidende Ver­dienste am Wiederauf­bau von Reinheim nach dem 30jährigen Kriege und hat auch die Be­schaffung der Glocken damals veranlasst). Ton: h, Gewicht 349 Kilogramm.

(Zur Inschrift siehe Gemeindebrief vom November 2003)

IV.    JOHANNES-DER-TÄUFER-GLOCKE,   (bisher zum "Klängen" ver­wendet  und  daher "Klang-Glocke" gehei­ßen, ist nach dem gro­ßen Bußprediger ge­nannt. Als kleinste Glocke des Vierergeläuts wird sie künf­tig auch als Taufglocke läuten). Ton: d, Gewicht: 226 Kilogramm

(Zur Inschrift siehe Gemeindebrief vom November 2003)

Die kleinste Glocke ist auf den Schlagton es abgestimmt und wiegt etwa 150 kg. Sie trägt den Namen der Stifterin Maria Engart und ruft, ihrem Wunsch gemäß, als Vaterunser-Glocke zum Gebet.                      

Pfr. G. Siegert im Gemeindebrief 2004